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Interview mit dem
Astronomen der päpstlichen Sternwarte
George Coyne ist seit 1978 Direktor des astronomischen
Observatoriums Specola Vaticana. Es steht in der Tradition des
Turms der Winde, den Papst Gregor im 16. Jahrhundert für
meteorologische und astronomische Beobachtungen errichten lies.
Offiziell wurde die Specola Vaticana 1891 in den vatikanischen
Gärten gegründet. 1933 wurde die Arbeit nach Castel Gandolfo
verlegt, weil in Rom das Umgebungslicht störte. Für noch bessere
Sicht ins All gibt es seit 1994 ein zweites Teleskop auf dem
Mount Graham im US-Bundesstaat Arizona, wo Coyne seither
hauptsächlich arbeitet. Mit George Coyne sprach Ulli Kulke.
DIE WELT: Wie stellen Sie sich die Unendlichkeit des Universums
vor?
George Coyne: Ich sehe das wissenschaftlich. Kürzlich entdeckten
wir mit unseren Teleskopen, daß sich das Universum immer
schneller ausdehnt. Wir dachten vorher, daß die Expansion sich
verlangsame wegen der Materie, auf die die Schwerkraft wirkt.
Jetzt wissen wir: Das Universum bremst sich nicht nur nicht ab,
es beschleunigt sogar seine Ausdehnung. Sie würde demnach nie
aufhören, ist endlos.
WELT: Wohin dehnt es sich aus?
Coyne: Da sich das Universum ausdehnt, dehnt sich auch der Raum
aus, um es platt auszudrücken. Raum und Zeit sind die Parameter
des Universums, und deshalb macht es keinen Sinn zu fragen: In
was hinein dehnt sich das Universum aus? Dahinter ist nichts.
Das Universum schafft den Raum erst, indem es expandiert. Und
diesen Raum kann man als endlos bezeichnen.
WELT: Warum ist es so schwer für Menschen, sich Unendlichkeit
vorzustellen?
Coyne: Weil wir in der Zeit leben. Die Menschen sind daran
gewöhnt, an gestern, heute und morgen zu denken. Mit einer sehr
vagen Vision übrigens, was morgen eigentlich genau heißt. Wir
leben in begrenzter Zeit und begrenztem Raum, deshalb können wir
uns nichts Unendliches vorstellen. So sind wir geschaffen, und
so leben wir.
WELT: Augustinus sagte, nur Gott könnte das Prinzip der
Unendlichkeit begreifen.
Coyne: Vielleicht noch nicht mal Gott.
WELT: Kann hinter dem Universum ein weiteres Universum sein?
Viele verzweigte?
Coyne: Es gibt die Theorie des Multiversums, gefüllt mit vielen
getrennten Universen. Es ist sehr umstritten, ob man so was noch
Wissenschaft nennen sollte. Wir könnten mit den anderen
Universen gar nicht kommunizieren, weil kein Licht vom einen ins
andere dringt.
WELT: Die Theorie von vielen Welten – dafür hat man Giordano
Bruno zum Tode verurteilt.
Coyne: Das war nicht die Hauptanklage. Man beschuldigte ihn, daß
er Gott mit dem Universum gleichsetze. Ich will aber keineswegs
seine Verurteilung verteidigen.
WELT: Haben Sie als Astronom des Vatikans ein anderes
Erkenntnisinteresse an der Unendlichkeit als Ihre Kollegen?
Coyne: Nein. Der Vatikan hat keine besondere Sichtweise auf
diese Dinge. Ich sehe keinen Konflikt zwischen der Unendlichkeit
Gottes und der Unendlichkeit von Raum und Zeit. Das Universum
muß keinen Beginn gehabt haben, existierte vielleicht schon
immer. Und es kann ewig andauern und unendlich groß sein – muß
aber nicht. Es sieht jedoch so aus, daß alles mit dem Big Bang
anfing. Gott ist in anderem Sinne unendlich, nämlich außerhalb
von Raum und Zeit. Die sind keine Parameter von Gott, er ist
nicht materiell ?
WELT: ? weshalb die Unendlichkeit nicht im Widerspruch zur
Schöpfung steht.
WELT: Das Wort Unendlichkeit findet sich nirgendwo in der Bibel.
Haben sich ihre Autoren darüber keine Gedanken gemacht?
Coyne: Die Bibelautoren hatten keine Ahnung von diesen Fragen.
Sie wiesen nur darauf hin, daß Gott nicht das Universum ist, daß
Gott alles schuf, und es vorher nichts gab. Er hat alles aus
nichts gemacht.
WELT: Könnte die Vorstellung von weiteren Dimensionen helfen,
Unendlichkeit besser zu verstehen?
Coyne: Mir hilft das nicht. Es ist jenseits unserer
Vorstellungskraft. Möglicherweise gibt es weitere Dimensionen,
und die Option hilft vielleicht beim mathematischen Verständnis,
aber wahrnehmen können wir keine weiteren Dimensionen.
WELT: Frei nach Augustinus: Vielleicht kann nur Gott weitere
Dimensionen verstehen.
Coyne: Ob Gott mit solchen Größen etwas anfangen kann – ich weiß
es nicht. Er ist allmächtig und allwissend. Aber er kann auch
nur wissen, was „wißbar“ ist.
WELT: Warum betreibt der Vatikan überhaupt ein eigenes
astronomisches Institut?
Coyne: Wir machen keine andere Arbeit als die anderen Institute,
haben keine vorgefaßten Meinungen. Entstanden ist das Institut
im Jahre 1582, als Papst Gregor die Kalenderreform in Gang
brachte und dafür die Kenntnis des exakten Verlaufs der
Himmelskörper wichtig war.
WELT: Sind Sie auch an der Suche nach Planeten in anderen
Sonnensystemen beteiligt?
Coyne: Durchaus. Wir wollen darin Studenten ausbilden. Entdeckt
haben wir allerdings bislang noch keinen Planeten.
WELT: Angenommen, Sie stoßen auf einen fernen Planeten, der von
intelligenten Lebewesen bewohnt ist. Was hieße das für das
Selbstverständnis der Kirche?
Coyne: Das wäre ja noch mal etwas völlig anderes. Für
extraterrestrisches Leben gibt es weder Beweise noch
Gegenbeweise. Wir wissen es nicht, ob es das gibt. Selbst wenn
wir erführen, daß auf einem fernen Planeten die Bedingungen für
Leben herrschten, könnten wir immer noch nicht sagen, mit
welcher Wahrscheinlichkeit dort tatsächlich Leben existiert. Wir
wissen einfach zuwenig über die Entstehung von Leben.
WELT: Würde so was die Kirche erschüttern?
Coyne: Warum? Die Bibel bezieht sich nur auf das Leben auf
unserer Erde.
WELT: Wir wären nicht mehr das Zentrum.
Coyne: Stimmt. Aber ist das wichtig? Aus der Bibel können Sie
den Anspruch nicht herleiten. Sie will uns nichts
Wissenschaftliches erzählen. Die Suche nach extraterrestrischer
Intelligenz ist wichtig und hochinteressant.
WELT: Warum gibt es überhaupt etwas, und warum gibt es nicht
nichts?
Coyne: Das ist keine Frage an die Wissenschaft, die kann das
nicht beantworten. Sie behandelt das materielle, und wir können
da nur fragen: wann, wie, wo und so weiter. Die Frage nach dem
Warum ist jenseits ihrer Methodologie. Für mich als religiöser
Mensch lautet die Antwort, daß Gott in seiner grenzenlosen Güte
uns an dieser Güte teilhaben lassen will, und deshalb die Welt
erschuf. Die Frage und ihre Antwort sind schlüssig, aber sie
haben mit Wissenschaft nichts zu tun.
Artikel erschienen am Sat, 15. April 2006
Coyne: Genau deshalb.
22.04.2006
http://sufizmveinsan.com
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